Herbst in Amsterdam

Fahrrad fahren in Amsterdam: Ik fiets!

Hallo ihr Lieben! Es war viel los die letzten drei Wochen, eigentlich wollte ich diesen Beitrag bereits letzte Woche um diese Zeit veröffentlicht haben, doch ich kam einfach nicht dazu, ihn fertigzustellen. Nun aber hat es geklappt! Ich möchte über eine sehr alltägliche Sache hier in den Niederlanden schreiben – das Fahrradfahren. Oder auch „fietsen“. Seit ich hier bin, lege ich an einem normalen Tag mindestens zehn Kilometer mit dem Fahrrad zurück. Ich möchte euch in diesem Beitrag ein paar Eindrücke von Amsterdam vom Rad aus geben, über mein Fahrrad sprechen und vom Straßenverkehr für Radfahrer in Amsterdam erzählen.

Ik heb een fiets!

Glücklicherweise konnte ich bereits eine Woche nach meiner Ankunft sagen „ik heb een fiets“, denn Jaap, mit dem ich in Malmö auf einem Stockwerk gelebt habe, hat mir sein Zweitrad für die Zeit, die ich hier bin überlassen. Klingt natürlich erst mal super, doch wenn ich an den Moment zurückdenke, als ich das Rad zu sehen bekommen habe, schätze ich, dass ich alles andere als glücklich aussah. Das Rad war eine einzige Klapperkiste. Es war schwarz, aber übersät mit gelben Farbspritzern auf dem Rahmen. Das Fahrrad hatte keine Gänge, die Lampe sehr instabil und funktionslos, denn die Kabel waren ganz kaputt, der Sattel war rissig, es gab keinen Gepäckträger und nicht mal einen Fahrradständer hatte der Drahtesel. Jaap erklärte mir außerdem, dass die Handbremse nicht funktioniere und man daher nur per Rücktrittbremse bremsen könne. Wenn das Radfahren schwerfällig werde, könne es sein, dass das an der kaputten Bremse liege und man müsse sie dann einmal manuell wieder lösen.

Ein Bild von Jaaps Zweitrad
Jaaps Zweitrad

Jaap ölte das Rad und pumpte die Reifen auf. Trotz der wenig überzeugenden Erscheinung stieg ich für eine Probefahrt auf. Das Fahrrad begann zu klappern, irgendwas schien unter dem Kettenschutzblech lose zu sein oder so. Im Takt zu den Pedalen ertönte ein wenig vertrauenserweckendes, blechernes Geräusch. Jaap meinte, das sei nichts worüber man sich Sorgen machen müsse. Er sagte ich könne das Fahrrad umsonst haben und wenn es auseinander falle dann sei es eben so, ich würde ihm nichts erstatten müssen. Ich wollte das Rad nicht, doch ich hatte nur noch ein Wochenende um ein Rad zu finden, wenn ich nicht mit den Öffis zur Hochschule fahren wollte. Also nahm ich es mit, kostet ja nichts, als Übergangslösung, um dann in Ruhe nach einem guten Rad suchen zu können.

Ik heb twee fietsen!

Wenige Wochen später reiste ich über’s Wochenende nach Hause. Ich buchte für die Rückfahrt eine Verbindung, die es mir erlaubte, mein Fahrrad aus Deutschland mitzunehmen. Die gebrauchten Fahrräder hier in Holland sind merkwürdig. Meistens haben sie keine Gänge, oft haben sie kein funktionierendes Licht. Manchmal haben sie keinen Gepäckträger. Das sind Dinge, die mir in Deutschland normal vorkommen, sie gehören einfach zu einem Fahrrad dazu. Es kam mir merkwürdig vor, für ein Rad ohne Gangschaltung und Licht mehr als 50€ zu bezahlen. Also entschied ich mich dafür, mein schönes, blaues Trekkingrad mit funktionierendem Licht, Nabendynamo, 21 Gängen, zwei Handbremsen, Fahrradständer und heilem Sattel nach Holland zu bringen. Um das Fahrrad mitzuführen muss ich auf das Zugticket 20€ aufschlagen – 10€ für Deutschland und 10€ für Holland. Das Fahrradfahren würde so viel angenehmer werden.

Was macht ein gutes Fahrrad aus?

Eine Woche lang radelte ich mit meinem deutschen Fahrrad zur Hochschule und zum Sprachkurs und maß dabei meine Durchschnittsgeschwindigkeit. Ich muss sagen, dass ich bei Ankunft an meinem Zielort zumeist sehr außer Atem war. In der folgenden Woche fuhr ich wieder mit Jaaps Rad und verglich die Zeiten, die ich für meine alltäglichen Strecken brauchte. Sie lagen dicht beieinander. Bei quasi gleichbleibender Zeit war es deutlich angenehmer auf Jaaps Fahrrad zu fahren. Vielleicht liegt es daran, dass ich aufrechter sitze, als auf meinem. Auf Dauer ist die Haltung vielleicht das, was das Fahren auf meinem Rad anstrengend macht. Außerdem habe ich das Gefühl, mit seinem Rad ist weniger Kraft erforderlich um die gleiche Geschwindigkeit zu erreichen. Vielleicht liegt es an der Kettenschaltung meines Fahrrads.

Mein Fahrrad hat einige Vorteile gegenüber dem, das ich von Jaap bekommen habe, besonders was die Ausstattung betrifft. Doch das Fahrradfahren an sich ist auf Jaaps Rad angenehmer und leichter. Und das ist immerhin die Hauptaufgabe eines Rads. Jetzt fahre ich tatsächlich immer mit Jaaps Rad, habe einen neuen Sattel gekauft und ein paar lose Muttern festgezogen. Ich habe erkannt, dass alle Extras und Schnick-Schnacks nichts bringen, wenn die Hauptaufgabe von einem anderen Modell besser erfüllt wird. Das bezieht sich sehr wahrscheinlich nicht nur auf Fahrräder, sondern auf alles mögliche andere auch. Eine Erkenntnis, die ich als Design Studentin in die Projekte an denen ich arbeite mitnehmen möchte.

Vier Aufnahmen an einem Fluss, der die westliche Ortsgrenze vom Diemen nach Amsterdam markiert.

Verkehrssituation für Fahrradfahrer

In Amsterdam gibt es mehr Fahrräder als Einwohner. Und es stimmt. Fahrradfahren in Holland ist schon ziemlich gut. Es gibt im Prinzip überall Fahrradwege. Teilweise gibt es Fahrradwege, wo es keine Fußwege gibt. Zum Beispiel ist ein Abschnitt der Route die ich täglich zur Hochschule fahre weder für Fußgänger noch für Autos vorgesehen. Öfter als in Deutschland gibt es hier viele Wege, die eben nur für Fahrräder sind. Leider mit einer kleinen Einschränkung: Mopeds. Oder wie sie auf Holländisch (so viel niedlicher!) heißen: Bromfietsen.

Die Anzahl der Mopeds in Amsterdam nahm in den letzten Jahren stark zu und viele Fahrradfahrer (auch ich) ärgern sich über sie. Dass so viele Mopeds auf den Radwegen fahren, ist einer der Gründe, warum Amsterdam im Copenhagenize Index, der alle zwei Jahre erscheint und ein Ranking der fahrradfreundlichsten Städte der Welt erstellt, vom ersten auf den zweiten und nun schließlich auf den dritten Platz gerutscht ist.

Die Zukunft für Bromfietsen

Amsterdam reagiert mit einem Plan auf die Unzufriedenheit, der vorsieht, dass Mopeds ab 2019 auf bestimmten Radwegen nicht mehr fahren dürfen. Eine weitere Motivation dafür ist das Bestreben der Stadt, die CO2 Emission zu reduzieren. Die Bewohner sollen dazu motiviert werden, von Mopeds auf elektrisch angetriebene Fahrräder umzusatteln, die natürlich auf allen Radwegen fahren dürfen. Welche Radwege bald nur noch von Fahrrädern befahren werden dürfen, zeigt eine interaktive Karte (von solchen bietet Amsterdam eine ganze Menge, zu vielen verschiedenen Themen).

Leider gehört ein Großteil meiner täglichen Strecke zu den Wegen, die weiterhin von Mopeds befahren werden dürfen. Inzwischen habe ich mich aber recht gut an sie gewöhnt. Das Motorensausen ist zwar laut und nervend, einen Mindestabstand gibt es beim Überholen schlichtweg nicht und die maximal erlaubte Geschwindigkeit von 25 km/h wird nur von etwa 20% der Mopedfahrer eingehalten. Aber wenn man als Fahrradfahrer einfach immer schön weit rechts fährt, passiert einem eigentlich nichts. Ich geriet jedenfalls bisher in keine brenzlige Situation.

An der Amstel entlang zu fahren bedeutet auf der einen Seite einen breiten Fluss (übrigens der einzige natürliche in Amsterdam) und auf der anderen Seite die typisch holländische Architektur.

Wohin mit all den Rädern?

Die enorme Anzahl an Fahrrädern stellt die Stadt vor Herausforderungen, die mir in Deutschland so bisher nicht begegnet sind. Es gibt nicht genügend Parkplätze für die ganzen Fahrräder. Die Stadt hat verschiedene Strategien entwickelt, wie die Situation verbessert werden kann. Zum Einen wird in die Bereitstellung von zusätzlichen Fahrradstellplätzen investiert, aktuell zum Beispiel unterirdisch in der Nähe des Hauptbahnhofs. Zum Anderen ist festgelegt, dass Fahrräder an einigen Stellplätzen, wie dem Amstel Bahnhof, neben dem sich meine Hochschule befindet, nicht länger als vierzehn Tage geparkt werden dürfen. Dadurch wird verhindert, dass Stellplätze von nicht mehr genutzten Rädern blockiert werden. Das Parken an sich ist grundsätzlich kostenlos. Amsterdam bietet an vielen Orten auch videoüberwachte Fahrradstellplätze an, wo das Parken nach den ersten 24 Stunden 1,25€ pro Tag kostet. An solchen Stellplätzen ist es daher unwahrscheinlich, dass Fahrräder lange stehengelassen werden.

Das Fahrraddepot – In Amsterdam eine Notwendigkeit

Regelmäßig werden Fahrräder, die länger als erlaubt geparkt werden, „abgeschleppt“ und ins Fahrraddepot gebracht. Als Besitzer hat man dann fast einen Monat Zeit, sein Fahrrad gegen eine Gebühr von knapp unter 20€ zurückzubekommen. Auch Fahrräder, die an Stellen geparkt werden, an denen das Abstellen nicht erlaubt ist, werden ins Depot gebracht. Doch nur etwa 25% der Besitzer holen sich ihr Fahrrad zurück. Viele glauben, ihr Fahrrad wurde gestohlen, oft sind die Fahrräder allerdings auch in einem so schlechten Zustand, dass die 20€ lieber gleich mit in ein neues Fahrrad investiert werden. Die nicht abgeholten Fahrräder werden entweder gemeinnützigen Projekten zur Verfügung gestellt oder an Händler versteigert, die gebrauchte Fahrräder verkaufen.

Meine persönliche Erfahrung: Ich habe bisher immer irgendwo einen Parkplatz gefunden, aber es kann durchaus eine gute Idee sein, ein paar Minuten mehr einzuplanen, da die Suche manchmal doch etwas Zeit in Anspruch nehmen kann. Bei Fahrradstellplätzen im Stil vom Anlehnbügeln, bei dem das Fahrrad einfach an eine Stange angelehnt wird, passen zur Not auch vier Fahrräder dahin, wo eigentlich zwei vorgesehen waren.

Die Bilder zeigen meinen täglichen Fahrradweg von der Hochschule nach Diemen.

Wie viel Fahrrad fahre ich?

Eigentlich bin ich ja gar kein Fan von Fitnesstracking und dergleichen. Dazu bin ich zu besorgt um meine Daten, wer darin Einsicht hat und was mit ihnen geschieht. Aber dieses Mal hat tatsächlich doch die Neugierde gewonnen. Ich will wissen, wie viel Fahrrad ich hier tatsächlich fahre. Wer also ein Profil bei Runtastic hat, kann mir gerne folgen und bekommt dort auch ab und zu Fotos zu sehen, wenn ich vom Rad aus welche mache. Der Oktober ist nun fast um und auf meinem Profil kann ich sehen, dass ich diesen Monat gut 258 Kilometer in 16 Stunden und 16 Minuten zurückgelegt habe. Mein Tagesdurchschnitt liegt damit bei 9,2 Kilometern. Allerdings habe ich wahrscheinlich nicht jedes Mal daran gedacht, meine Aktivität aufzuzeichnen, sodass die tatsächlichen Werte vielleicht sogar ein wenig höher liegen.

Eine Statistik über meinen Alltag auf dem Fahrrad in Holland

Hier ein Auszug aus Runtastic, der meinen Alltag hier sehr gut widerspiegelt:

Statistik über meine mit dem Fahrrad zurückgelegte Distanz in der ersten Oktoberwoche 2018.
Statistik über meine mit dem Fahrrad zurückgelegte Distanz in der ersten Oktoberwoche.
Eine repräsentative Woche für meinen Alltag.

Und hier erkläre ich, wie die verschiedenen Balken zustandekommen:

  • Montags und Mittwochs habe ich außer Vorlesung für gewöhnlich keine Pläne. Dementsprechend lege ich meistens ziemlich genau 10 Kilometer zurück. Am 1. Oktober habe ich wahrscheinlich auf dem Heimweg einen kleinen Umweg genommen um bei Lidl einzukaufen.
  • Dienstags und Donnerstag findet mein Sprachkurs im Zentrum von Amsterdam statt. Ich fahre von der Hochschule aus dort hin, das sind etwa fünf Kilometer und abends von dort aus circa neun Kilometer nach Hause. Dadurch komme ich an diesen beiden Tagen knapp an die zwanzig Kilometer heran.
  • Freitags habe ich eigentlich auch nur Hochschule, aber oft trafen wir uns freitags mit unserem Projektpartner, zu dem ich selbstverständlich ebenfalls mit dem Rad fahre. Außerdem steht freitags natürlich fast immer ein Vrijmibo an, für das es meistens ein wenig in Richtung Amsterdam geht. Dadurch wird mein Heimweg etwas länger als gewöhnlich.

Ich fahre Fahrrad. Bei Wind und Wetter.

Es war ein regnerischer Tag im September. Endlich! Ich hatte ich mich schon seit meiner Ankunft darauf gefreut, im Regen zur Hochschule zu fahren. Das mag merkwürdig klingen, aber diese Dinge geben mir das Gefühl, wieder etwas mehr „Bewohner“ zu sein, statt nur Gast. Verschiedene Situationen hier zu erleben und zu meistern. Also kramte ich meine Regenjacke und Regenhose heraus, wappnete mich für den Regen und stieg aufs Rad. Als ich, noch in meinen nassen Regenklamotten, den Korridor entlang zum Studio laufe, sieht mich Paul, einer unserer Studiengangskoordinatoren, lächelt und sagt: „Oh! You’re integrating!“ und genau das ist es, was ich meine. Do it the Dutch way! Im Regen Fahrrad zu fahren ist für mich allerdings keine große Umstellung, da ich bereits während meiner Schulzeit täglich mit dem Fahrrad gefahren bin und auch in Malmö jeden Tag mit dem Rad zur Hochschule unterwegs war. Egal wie das Wetter war. Und das möchte ich hier genau so fortführen.

Herbst in Amsterdam

Zehn Wochen sind um

Unglaublich aber wahr. Ich bin froh, dass ich, wie oben beschrieben, inzwischen eine Routine im Alltag gefunden habe. Die Gegend ist mir vertrauter, ich kenne die Supermärkte und Produkte, mein Niederländisch wird immer besser, ich denke so langsam wird es hier! Trotzdem kommt es mir nicht vor, wie zehn Wochen, sondern eher wie fünf. Die Zeit vergeht schnell, was sicher auch daran liegt, dass gerade zuletzt viel für das Studium zu tun war.

Ich möchte euch in einem der nächsten Blogbeiträge gerne etwas mehr über meinen Studienalltag erzählen und vom vergangenen Wochenende, als Marie aus Leipzig, die ich auch in Malmö kennengelernt habe, mich besuchen gekommen ist. Sie hat vermutlich das letzte einigermaßen warme Wochenende erwischt und wir haben gemeinsam Amsterdam entdeckt. Endlich konnte ich ein paar Dinge von meiner Bucketlist abhaken!

Bis dahin: Genießt die schönen Herbstfarben :)
Ik wens jullie een fijne dag! Tot ziens!
Ich wünsche euch einen schönen Tag! Bis bald!

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